Andres Bejas II

Der philosophische Weg Edith Steins sollte jedoch nicht an der Grenze der Phänomenologie sein Ende finden. Sie war fest davon überzeugt, dass die Suche nach der Wahrheit, in der jegliche Philosophie besteht, nicht durch die gedankliche Beschränkung eines Schulsystems eingeengt werden dürfte. Die echte Philosophie ist für sie viel mehr „das nimmer ruhende Forschen des Menschengeistes nach dem wahren Sein" (EES. 484). Diese Philosophie, die weder an die Zeit noch an den Raum gebunden ist, nennt sie in einer gänzlich neuen Auffassung des Begriffes „philosophia perennis". Philosophia perennis, sagt Edith Stein in einem Aufsatz über „Die Phänomenologie Husserls und die Philosophie des hl. Thomas von Aquin", bedeutet „den Geist echten Philosophierens, der in jedem wahren Philosophen lebt, d. h. in jedem, den eine innere Notwendigkeit unwiderstehlich treibt, dem ,logos' oder der ‚ratio' (dem Sinn, d. A.) dieser Welt nachzuspüren. Diesen Geist bringt der geborene Philosoph als Potenz, thomistisch gesprochen mit zur Welt. Die Potenz wird zum Akt geführt, wenn er einem reifen Philosophen, einem ‚Lehrer' begegnet. So reichen sich die Philosophen über alle Grenzen von Raum und Zeit die Hände." 

Aus der Motivation heraus, zwei dieser großen Philosophen über die Kluft von Jahrhunderten hinweg zusammenzubringen, entstand die darauf folgende philosophische Arbeit Edith Steins. Sie selbst fühlte sich in der Phänomenologie beheimatet, so dass deren Sprache allmählich ihre philosophische Muttersprache geworden war. Als sie jedoch in den dreißiger Jahren die mittelalterliche Philosophie und insbesondere den hl. Thomas von Aquin als einen ihrer Hauptvertreter entdeckte, schlug ihr philosophisches Bemühen ganz neue Wege ein. „Die wiedergeborene Philosophie des Mittelalters und die neugeborene Philosophie des 20.Jahrhunderts können sie sich in ‚einem' Strombett der ,philosophia perennis' zusammenfinden? Noch sprechen sie verschiedene Sprachen, und es wird erst eine Sprache gefunden werden müssen, in der sie sich verständigen können." (EES. 7) Diese Frage sowie die Suche nach einer gemeinsamen Sprache der Phänomenologie und der Philosophie des hl. Thomas von Aquin sollten die Hauptthemen des wichtigsten und bekanntesten philosophischen Werkes Edith Steins werden: „Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins." In diesem Werk zeigt Edith Stein mit aller Deutlichkeit, dass die Grundfrage der Philosophie, nämlich die Frage nach dem Sein, von der Philosophie alleine nicht bis zu ihrem letzten Sinn beantwortet werden kann. Die Frage nach dem Sein erstreckt sich für Edith Stein, wie übrigens auch für die mittelalterliche Philosophie, im Spannungsfeld von Wissen und Glauben. Sind die Antwort der Philosophie und die Antwort des Glaubens auch voneinander verschieden, so ergänzen sie sich jedoch derart, dass die letzte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Seins keine von beiden ausschließen kann. Die enge Verbindung von Denken und Glauben hat nun bei Edith Stein nicht nur theoretischen, sondern vor allem existentiellen Charakter. Sie zeigt uns mit ihrem Philosophieren und ihrem Leben, dass es immer noch möglich ist, vom Denken zum Glauben zu gelangen, und dass es immer noch Menschen gibt, für die das Philosophieren und das persönliche Leben im Glauben zusammengehören.

Der Gipfel der Vereinigung von Glauben und Wissenschaft ist bei Edith Stein in der Mystik erreicht. In ihrem letzten theologisch-mystischen Werk, „Kreuzeswissenschaft",  kann man die Philosophin, genauer gesagt, die Phänomenologin immer noch deutlich erkennen, obgleich ihr Wissenschaftsbegriff sich schon von Grund auf gewandelt hat. Die moderne Wissenschaft und selbst die Theologie finden sich dort vielleicht nicht mehr wiedergegeben, weil die „Kreuzeswissenschaft" keine Wissenschaft mehr im Sinne einer reinen Theorie ist. Die neue Wissenschaft des Kreuzes „forscht" zwar auch nach der Wahrheit, aber nach einer Wahrheit, die dem suchendenMenschen persönlich und existentiell begegnet, die ihn ergreift, um sich in ihm zu entfalten. Auf diese Weise wird die Philosophie zur konkreten ,persönlichen Existenz, die sich im Bezug auf eine „lebendige, wirkliche und wirksame Wahrheit" verwirklicht. Diese Art der Vollkommenheit wurde Edith Stein durch ihre leidenschaftliche Hingabe an die Philosophie und an die Wissenschaft des Kreuzes geschenkt.