Sabine Spitzlei II

„Gleichheit der Frau und dem Manne,
so rufet die Suffragette,
sicherlich sehen dereinst
im Ministerium wir sie."2

Diese „Suffragette" engagierte sich während ihrer ersten Semester der Psy­chologie, Philosophischen Propädeutik, Geschichte und Germanistik an der Heimatuniversität Breslau sowohl in ihrem Freundeskreis als auch im Studentinnenverein und in der „Pädagogischen Gruppe" in den Fragen der Gleichberechtigung oder Doppelbelastung der berufstätigen Frau.3 Daß sie zudem dem preußischen Verein für Frauenstimmrecht beitrat, entsprach ganz ihrem leidenschaftlichen Interesse für alles politische Geschehen, welches sie selbst als reife Frau im Kölner Karmel auf ein „ungewöhnlich starkes soziales Verantwortungsbewußtsein, ein Gefühl für die Solidarität der Menschheit, aber auch der engeren Gemeinschaften" zurückführte.4 Edith Stein bezeugt jedoch nicht nur die Früchte des 30jährigen Kampfes um das Frauenstudium, sondern auch die ihr äußeres Leben prägenden Vor­urteile und Einschränkungen einer von Männern getragenen akademischen Umgebung, für die eine Frauz zwar noch zum Dr. phil. promovieren, der je­doch die Tore zur Professorinnenlaufbahn versperrt bleiben mußten. Die Begegnung mit Edmund Husserls

Buch „Logische Untersuchungen" hatte sie von Breslau nach Göttingen geführt, von wo aus sie - inzwischen in den engeren Kreis der jungen Phänomenologen um Husserl aufgenommen - dem „Meister" an die Universität Freiburg folgte. Als zur mit „summa cum laude" promovierten Philosophin wurde sie seine Assistentin. Nach knapp zwei Jahren vergeblicher Bemühungen um ein wirkliches Zusammenarbei­ten, das nicht nur ihre Fähigkeiten, Tausende von Seiten in Kurzschrift ver­faßter Manuskripte zu einem systematisch durchstrukturierten Ganzen zu ordnen, honoriert, sondern sie auch in eigenem schöpferischen Arbeiten unterstützt hätte, verließ sie Husserl.
„Sollte die akademische Laufbahn für Damen eröffnet werden, so könnte ich sie an allererster Stelle und aufs wärmste für die Zulassung zur Habilita­tion empfehlen"5 - so endete Edmund Husserl sein Empfehlungsschrei­ben vom 6. Februar 1919 an dieUniversität Göttingen, wo sich Edith Stein um eine Habilitation bemühte.

Alle ihre Anstrengungen schlugen jedoch fehl. Warum? Traute man ihr letztlich doch nicht die für eine Habilitation nötige philosophische Bega­bung zu? Selbst Freunde aus dem Phänomenologenkreis hielten eine Ableh­nung für „unmöglich"6. „Die Sache ist gar nicht vor die Fakultät gekom­men, sondern in aller Stille erledigt worden", schrieb Edith Stein im No­vember 1919 an Fritz Kaufmann. "Mündlich" argumentierte man noch damit, daß ihre Dissertation „Zum Problemder Einfühlung "8 nicht in die Göttinger philosophische Land­schaft gepaßt habe. Genau genommen aber versperrte man sich nicht gegen die Philosophie, sondern gegen die Frau Edith Stein. Die Verkrustungen eines den historischen Entwicklungen nicht mehr adäquaten Frauenbildes saßen noch so tief, daß man die Zugbrücke zur Festung bisher nur Männern vorbehaltenen Schaffensbereichen nicht brüderlich hinunterließ, sondern sie im Gegenteil fester hinaufzog und damit nur den Blick in einen tiefen, nach Geschlecht trennenden Graben gewährte. Warum Edith Stein sich nicht einfach in Freiburg bei Husserl habilitierte, fragte man sich auch damals. Hatten „zwei Jahre nahen persönlichen Verkehrs"9 nicht das Wissen um fachliche Kompetenz über sexistische Vorur­teile obsiegen lassen? Daß gerade Husserl „aus Prinzip" 10 gegen die Habi­litation einer Frau war, hat Edith Stein erst auf die Odyssee durch diverse deutsche Universitäten geschickt.