Sabine Spitzlei III

Auch wenn die Äußerungen über Husserls Haltung nur Spärliches über Ediths persönliche Betroffenheit verraten, dürfen wir uns nicht darüber hin­wegtäuschen, daß sie tief gekränkt war.11 Und doch, er blieb für sie trotz mancher menschlicher Schwächen immer der „Meister". Edith Stein ging daraufhin ihren Weg einfach außerhalb des männlichen Wissenschaftsbetriebs weiter. Der Offenheit für das politische und gesell­schaftliche Geschehen entsprach ein geschichtliches Bewußtsein, das klar­sichtig die Diskrepanz zwischen der Berechtigung einer Forderung der beruflichen Gleichstellung von Mann und Frau und ihrer offiziellen Durchsetzung in der Praxis angesichts tief sitzender Vorurteile sowie Ängste um den Verlust männlichen Selbstverständnisses erkannte. Sie ging zurück nach Breslau, hielt in ihrer Wohnung private Vorlesungen und Einführun­gen in die phänomenologische Philosophie, übernahm Kurse an der Volks­hochschule und arbeitete weiter an ihren eigenen wissenschaftlichen Pro­jekten.

In den Äußerungen dieser Jahre sucht man vergeblich nach Spuren der Ag­gressivität oder Polemik. Als reife, sich seit Jahren im Denken und der Pra­xis des Christentums bewegende Frau, äußerte sich Edith Stein hinsichtlich ihres zweiten, ebenfalls gescheiterten Habilitationsversuchs: „Wenn der Ruf an die Pädagogische Akademie vorher käme, würde ich vielleicht auf die Habilitation ganz verzichten. Nachdem ich die Arbeit angefangen hatte, war sie mir sofort viel wichtiger als alle Zwecke, denen sie eventuell dienen könnte." 2 Eine ähnliche Haltung deutete sich bereits in viel jüngeren Jah­ren an: Es ging Edith Stein zunächst um den Dienst an der Wahrheit einer Sache, von der sie überzeugt war. Sekundäre Ziele ordnete sie ganz diesem ersten Prinzip unter. Entsprechende Handlungsmaximen waren von dem Grundsatz getragen, eine so erkannte Wahrheit ansichtig zu machen. So beschritt sie vorbildhaft den Weg der durch Klarheit und Sachlichkeit ausgezeichneten engagierten Argumentation, verbunden mit einer ihre Glaubwürdigkeit beweisenden persönlichen Lebensführung. Daß 1920 der zuständige preußische Minister in einem Erlaß die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht als unzureichendes Hindernis zur Habilitation be­wertete, ging auf eine Eingabe Edith Steins zurück, die die Zulassung von Frauen zur Habilitation vom Grundsatz her befürwortete.13

Es springt förmlich ins Auge, daß Edith Steins Lebensweg von äußeren Ein­flüssen eines überkommenen Frauenbildes geprägt ist. Sie verharrte dem­gegenüber jedoch nicht in fatalistischer Unbestimmtheit, sondern be­stimmte persönlich, in der Kraft der freien Entscheidung ihren eigenen Werdegang. 1919 von Freiburg zurück nach Breslau, von dort 1920 an die Schule der Dominikanerinnen von St. Magdalena zu Speyer, weiter 1930 an das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik nach Münster, schließlich 1930 in den Orden der Hl. Teresa von Avila. Allerdings empfand sie diese freie Entscheidung nach ihrer Konversion vom Judentum zur Ka­tholischen Kirche als Mit-Bestimmung. In der Begegnung mit dem Ge­heimnis der Menschwerdung, dem Tod und der Auferstehung in Jesus Chri­stus erfuhr sie sich hineingezogen in einen ganz „bestimmten" Weg, für den sie sich mit der Kraft der Seele, d. h. mit ganzem Herzen und Willen, per­sönlich und zuinnerst entschied.