Sabine Spitzlei IV

Das Ja zum Christentum führte dazu, daß die in die Jahre 1928-1932 fallen­den Arbeiten zur Situation und Stellung der Frau einen missionarischen Grundtenor aufwiesen, dem ihre Überzeugung zugrunde lag, es sei „viel mehr vom echt katholischen, d. h. freien und weiten, Standpunkt möglich, als man durchschnittlich meint."14 Vor dem zeitgeschichtlichen Hinter­grund von Arbeitslosigkeit und aufkommendem Faschismus, einer rollen­fixierten Mädchenbildung und einer streng patriarchalischen Kirche setzte sich Edith Stein als vielgefragte Referentin innerhalb der katholischen Frau­enbewegung ein für eine grundsätzliche Reform der Mädchenbildung sowie eine Erweiterung der Berufsmöglichkeiten der Frau. Einfühlsam und über­aus scharfsinnig analysierte sie das auch heute noch ungelöste Dilemma von Haus- und Berufstätigkeit und forderte eine verstärkte Beteiligung der Väter an der Erziehung. Sie setzte sich zudem kritisch mit der historisch geworde­nen Rolle der Frau in der Kirche auseinander und fand obgleich sie per­sönlich sich gegen die Ordination der Frau aussprach keine dogmati­schen Hindernisse hinsichtlich des Frauenpriestertums. Ihre Vorträge sind vorbildhafte Zeugnisse für gedankliche Tiefe, Abgewogenheit und Sorgfalt, wenn es darum geht, die veränderte Einsicht in das Wesen und die Rolle der Frau an der Lehre der Kirche zu messen. Sie fragte zunächst grundlegend nach der Natur der Frau, wobei sie methodisch den Weg der philosophisch phänomenologischen „Wesensschau" und der theologischen „Beweisfüh­rung" wählte.

Ausgehend von dem Grundsatz thomistischer Anthropologie „anima forma corporis" (die Seele ist das Formprinzip des Körpers) vertrat sie die Position einer wesensmäßigen Differenzierung der Natur des Menschen in Mann und Frau: Wo die Kräfte so grundverschieden geartet sind, da muß bei aller Gemeinsamkeit der Menschennatur auch ein verschiedener Seelen­typus vorhanden sein."15 Indem sie die philosophische Gedankenführung mit der theologischen verband, gelangte sie zu einem Idealbild der weibli­chen Seele: Die natürliche Aufgabe der Frau ist die der Gefährtin oder Part­nerin und der Mutter. Entsprechend muß die Seele der Frau „weit sein und aufgeschlossen für alles Menschliche; sie muß still sein, daß kein schwa­ches Flämmchen durch wehende Stürme ausgelöscht werde; sie muß warm sein, damit zarte Keime nicht erstarren; sie muß klar sein, damit nicht in dunklen Ecken und Falten sich Schädlinge einnisten; in sich geschlossen, daß nicht Einbrüche von außen das Leben im Innern gefährden; von sich selbst leer, damit das fremde Leben in ihr Raum habe; schließlich Herr über sich selbst und auch über ihren Körper, damit die ganze Persönlichkeit je­dem Ruf dienstbereit zur Verfügung stehe."16

Reagieren wir nicht automatisch abwehrend, wenn wir mit diesem Frauen­bild in Berührung kommen? Klingt das nicht in unseren Ohren derart über­holt, daß wir nur noch schwerlich den Bezug finden zu der Edith Stein, die die berufliche Qualifikation nicht als Durchgangsstadium sah, da die Frau ja ohnehin heiratet, sondern der Frau einen Beruf wünschte, der sie so aus­füllen sollte wie den Mann? Sie formulierte „Es gibt keinen Beruf, der nicht von einer Frau ausgeübt werden könnte"17 und daß „die ursprüngliche Ordnung ein gemeinsames Schaffen von Mann und Frau auf allen Ge­bieten vorsah, wenn auch mit etwas verschiedener Rollenverteilung"18 Die zu den paulinischen Aussagen von der Unterordnung der Frau unter den Mann in der Ehe (Eph 5,23) und zur Unsichtbarkeit und Verschwiegenheit der Frau in der Gemeinde (1 Tim2,9-13) äußerte: „Was hier ausgesprochen ist und gegenüber gewissen Mißbräuchen in den griechischen Gemeinden am Platz sein mochte, ist nicht als verbindlich für die prinzipielle Auffas­sung des Verhältnisses der Geschlechter anzusehen. Es widerspricht zu sehr den Worten und der ganzen Praxis des Heilandes, der Frauen unter sei­nen nächsten Vertrauten hatte und auf Schritt und Tritt in seiner Erlösertä­tigkeit bewies, daß es ihm um die Seele der Frau genauso zu tun war wie um die Seele des Mannes"19