Sabine Spitzlei V

Edith Stein blieb nicht bei der Bestimmung des Idealbildes der weiblichen Seele stehen, sondern fügte ihm hinzu, daß die individuelle Begabung das Schema „Mann - Frau" sprenge: „Keine Frau ist ja nur Frau, jede hat ihre individuelle Eigenart und Anlage so gut wie der Mann und in dieser Anlage die Befähigung zu dieser und jener Berufstätigkeit künstlerischer, wissen­schaftlicher, technischer Art usw."20

Und doch, wir sollten nicht - wie schon zu Lebzeiten Edith Steins gesche­hen - den als zu „fromm" interpretierten, weil von einem übernatürlichen Blickwinkel herrührenden Äußerungen zum Thema Frau das Gehör ver­weigern.21 Vielleicht finden sich gerade hier Anregungen, die weit über die Analyse der Sachfragen hinaus einen inneren Weg der Seele in den Blick fassen? Bewegt sich Edith Stein hier nicht auf einer Ebene der Gedanken­führung, auf der eine wie sie ganz aus der Kontemplation heraus wirkende Frau nicht von Frau- und Mannsein, sondern von authentischem Christsein zu sprechen gedrängt ist? Schreibt sie nicht ganz im Sinne des Wortes des Hl. Paulus, das am reinsten evangelischen Geist verkörpert: „Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn die ihr auf Chri­stus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer' in Jesus Christus" (Gal. 3,26-28)

Aus dem gesamten Schrifttum Edith Steins spricht ein Geist von bemer­kenswerter Tiefe und Klarheit. Als Frau gebrauchte sie ihre Rede jedoch nicht,um ihre Zuhörer/innen lediglich in abstrakte Theorien zu ver­stricken, sondern vielmehr immer auch dazu, die Gesinnung ihres Herzens zu offenbaren und dank der gemeinsamen Natur uns Gedanken mitzuteilen, die sie aus Gründen des Herzens wie aus einer spirituellen Vorratskammer hervorholte. „Es ist im Grunde immer eine kleine Wahrheit, die ich zu sagen habe: Wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben"22 - schrieb sie einmal. Lesen wir auf diesem Hintergrund Äußerungen wie die obige über das Wesen der Frau erneut, dann mag es gelingen, in der Frau Edith Stein der Mystagogin zu begegnen. Eine Zusammenschau von Leben und Werk Edith Steins im Kontext unserer Thematik „Frau" enthüllt, daß sich denkerisches Engagement und Lebens­praxis auf einzigartige Weise befruchten und bestätigen. Wenn sie selbst in ihrer Studie über Johannes vom Kreuz die „Kreuzeswissenschaft"23 als eine Wissenschaft ganz eigener Art definiert, in der der Versuch der denke­rischen Durchdringung des Geheimnisses des Kreuzes ineinander fällt mit der lebendigen Symbolisierung von Kreuz und Leid im Leben eines Men­schen,24 dann können wir den Grundgedanken dieser Bestimmung von ge­lebter Wissenschaft analog auf die Frau Edith Stein selbst anwenden: zwi­schen ihrem Denken und Leben spinnen sich feine Fäden, die nicht durch­trennt werden dürfen, ohne daß wir das bezaubernde Muster ihrer Person zerstören. Schlagen wir zuletzt noch einen Bogen von Edith Stein zur feministischen Theologie. Sie entspringt dem „Aufbruch" von engagierten Christinnen, Laiinnen und Ordensfrauen, innerhalb der heutigen Kirche und erstrebt in ihrer gemäßigten Form einen christlichen Feminismus, „der so wahrhaft evangelisch ist, daß er weder Wasser in den schäumenden Wein der Frauen­befreiungsbewegung gießen noch den Wein verwässern will, der das Zei­chen von Gottes Menschwerdung unter uns ist".25 Angesichts ihrer wissen­schaftlich begründeten Erkenntnis, daß die Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft und ihr Ausschluß aus der Verantwortung in der Kirche nicht auf die Sünde Evas zurückgehen oder auf ein Verfehlen der Frau, daß sie nicht dem Willen Gottes entspringen oder dem, was Jesus wollte, sondern in dem gesellschaftlichen und kirchlichen Patriarchat verwurzelt sind und durch eine androzentrische Interpretation der Welt sowie durch eine dementsprechende Sprache und Symbolsysteme untermauert werden, hat sie sich aufgemacht auf eine geistige Suche nach neuen Worten und Bildern für ihre neue Menschen- und Glaubenserfahrung.

Durch eine neue „Hermeneutik des Verdachts"26 versucht sie durch den Traditionsstrom zurückzugelangen bis zu der Urschicht der Hl. Schrift, die ahnen läßt, daß Gottes Wort keine Unterdrückung und Minderwertigkeit der Frau enthält.