Johannes Paul II

“Komm, wir gehen für unser Volk

„Selig sind, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewän­der gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht" (Offb 7,14). Unter diesen seligen Männern und Frauen grüßen wir heute in tiefer Ver­ehrung und mit heiliger Freude eine Tochter des jüdischen Volkes, reich an Weisheit und Tapferkeit. Aufgewachsen in der strengen Schule der Tradi­tion Israels, ausgezeichnet durch ein Leben der Tugend und Entsagung im Orden, bewies sie eine heldenmütige Gesinnung auf dem Weg ins Vernich­tungslager. Vereint mit dem gekreuzigten Herrn gab sie ihr Leben dahin „für den wahren Frieden" und „für das Volk": EdithStein, Jüdin, Philosophin, Ordensfrau, Märtyrin.

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„Herr, offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut!" (Est 4,17r).
Die Worte dieses Hilferufes aus der ersten Lesung der heutigen Liturgie spricht Esther, eine Tochter Israels, zur Zeit der babylonischen Gefangen­schaft. Ihr Gebet, das sie in der Stunde einer tödlichen Bedrohung ihres gan­zen Volkes an Gott, den Herrn, richtet, erschüttert uns tief: „Herr, unser König, du bist der einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht drohend über mir... Du, Herr, hast Israel aus allen Völkern erwählt; du hast dir unser Volk aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erstbesitz ausgesucht... Denk an uns, Herr... rette uns mit deiner Hand!" (Est 4,17 l--t).

Die tödliche Angst, vor der Esther zittert, war entstanden, als unter dem Einfluß des mächtigen Haman, eines Todfeindes der Juden, der Befehl zu ihrer Vernichtung im ganzen Perserreich erlassen worden war. Mit Gottes Hilfe und dem Einsatz ihres eigenen Lebens hat Esther damals zur Rettung ihres Volkes entscheidend beigetragen.

Dieses Gebet um Hilfe, weit über zweitausend Jahre alt, legt die heutige Festliturgie der Dienerin Gottes Edith Stein in den Mund, einer Tochter Is­raels unseres Jahrhunderts. Es ist wieder aktuell geworden, als hier, im Her­zen Europas, erneut der Plan zur Vernichtung der Juden gefaßt wurde. Eine wahnsinnige Ideologie hat ihn im Namen eines unseligen Rassismus be­schlossen und mit gnadenloser Konsequenz durchgeführt.

Gleichzeitig zu den dramatischen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges er­richtete man eilends die Vernichtungslager und baute die Verbrennungs­öfen. An diesen Schreckensorten fanden mehrere Millionen Söhne und Töchter Israels den Tod: von Kindern bis zu betagten Greisen. Der ungeheu­re Machtapparat des totalitären Staates hat dabei niemand verschont und die grausamsten Maßnahmen sogar gegen jeden ergriffen, der den Mut hatte, die Juden zu verteidigen.

Edith Stein ist im Vernichtungslager von Auschwitz als Tochter ihres ge­marterten Volkes umgekommen. Trotz ihrer Übersiedlung von Köln in den niederländischen Karmel von Echt fand sie nur vorübergehend Schutz vor der wachsenden Judenverfolgung. Nach der Besetzung Hollands wurde auch dort die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten umge­hend in die Wege geleitet, wobei die getauften Juden zunächst ausgenom­men wurden. Als aber die katholischen Bischöfe der Niederlande in einem Hirtenbrief gegen die Deportation der Juden scharf protestierten, verfügten die Machthaber als Rache dafür die Vernichtung auch der Juden katholi­schen Glaubens. So trat Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz zusammen mit ihrer leiblichen Schwester Rosa, die ebenfalls im Karmel zu Echt Zu­flucht gefunden hatte, den Weg ins Martyrium an.

Beim Verlassen ihres Klosters faßte Edith ihre Schwester bei der Hand und sagte nur: „Komm, wir gehen für unser Volk." Aus der Kraft opferbereiter Christusnachfolge sah sie auch in ihrer scheinbaren Ohnmacht noch einen Weg, ihrem Volk einen letzten Dienst zu erweisen. Bereits einige Jahre vor­her hatte sie sich selbst mit der Königin Esther im Exil am persischen Hof verglichen. In einem ihrer Briefe lesen wir: „Ich vertraue darauf, daß der Herr mein Leben für alle (Juden) genommen hat. Ich muß immer wieder an die Königin Esther denken, die gerade darum aus ihrem Volk genommen wurde, um für das Volk vor dem König zu stehen. Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther, aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig."

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