Begegnung mit dem Kreuz

Liebe Brüder und Schwestern! Neben dem Gebet der Esther steht in dieser Festmesse die zweite Lesung aus dem Galaterbrief. Der Apostel Pau­lus schreibt dort: „Ich will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt" (Gal 6,14).

Auf ihrem Lebensweg ist auch Edith Stein diesem Geheimnis des Kreuzes begegnet, das der heilige Paulus in diesem Brief den Christen verkündet. Edith ist Christus begegnet, und diese Begegnung hat sie Schritt für Schritt in die Klausur des Karmels geführt. Im Vernichtungslager ist sie als Tochter Israels zur Verherrlichung des heiligsten Namens (Gottes) und zugleich als Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz - als vom Kreuz Gesegnete - ge­storben.

Der ganze Lebensweg von Edith Stein ist geprägt von einer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit und erhellt vom Segen des Kreuzes Christi. Sie begegnete dem Kreuz zum ersten mal in der glaubensstarke Witwe eines Stu­dienfreundes, die, statt durch den tragischen Verlust ihres Mannes zu ver­zweifeln, aus dem Kreuz Christi Kraft und Zuversicht schöpfte. Sie schreibt darüber später: „Es war meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der gött­lichen Kraft, die es seinen Trägern mitteilt. Es war der Augenblick, in dem mein Unglaube zusammenbrach, und Christus aufstrahlte: Chri­stus im Geheimnis des Kreuzes." Ihr eigener Lebens- und Kreuzweg ist zu­innerst mit dem Schicksal des jüdischen Volkes verbunden. In einem Gebet bekennt sie dem Heiland, daß sie darum wisse, „daß es sein Kreuz sei, das jetzt auf das jüdische Volk gelegt würde"; und alle, die das verstünden, „müßten es im Namen aller bereitwillig auf sich nehmen. Ich wollte das tun, er sollte mir nur zeigen, wie". Zugleich erhält sie die innere Gewißheit, daß Gott ihr Gebet erhört hat. Je häufiger die Hakenkreuze auf den Straßen zu sehen waren, umso höher richtete sich das Kreuz Jesu Christi in ihrem Le­ben auf. Als sie als Schwester Teresia Benedicta a Cruce in den Kölner Kar­mel eintrat, um am Kreuz Christi noch tieferen Anteil zu erhalten, wußte sie, daß sie „dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt" war. Am Tag ihrer ersten Profeß war ihr nach ihren eigenen Worten zumute, „wie der Braut des Lammes". Sie war davon überzeugt, daß ihr himmlischer Bräuti­gam sie tief in das Geheimnis des Kreuzes hineinführen werde.

Teresia, die vom Kreuz Gesegnete - das ist der Ordensname jener Frau, die ihren geistlichen Weg mit der Überzeugung begonnen hatte, daß es über­haupt keinen Gott gebe. Zur damaligen Zeit, in den Jahren ihrer Jugend und ihres Studiums, war die Zeit für sie noch nicht vom erlösenden Kreuz Chri­sti geprägt, bildete aber bereits den Gegenstand ständigen Suchens und For­schens ihres scharfen Verstandes. Als fünfzehnjährige Schülerin in ihrer Heimatstadt Breslau beschließt die in einem jüdischen Elternhaus geborene Edith, „nicht mehr zu beten", wie sie selbst bekennt. Obwohl sie zeitlebens von der strengen Gläubigkeit ihrer Mutter tief beeindruckt war, gerät sie in ihrer Jugend- und Studienzeit in die geistige Welt des Atheismus. Sie hielt das Dasein eines persönlichen Gottes für unglaubhaft.