Suche nach der Wahrheit

„Meine Suche nach der Wahrheit war ein einziges Gebet." Edith Stein

In den Jahren ihres Studiums der Psychologie und Philosophie, der Ge­schichte und Germanistik in Breslau, Göttingen und Freiburg spielte Gott zunächst keine Rolle. Dabei huldigte sie jedoch einem „hochgespannten ethischen Idealismus". Entsprechend ihrer hohen geistigen Begabung woll­te sie nichts ungeprüft hinnehmen, nicht einmal den Glauben ihrer Väter. Sie will den Dingen selber auf den Grund gehen. Darum sucht sie unermüdlich nach der Wahrheit. Im späteren Rückblick auf diese Zeit geistiger Un­ruhe erkennt sie doch darin eine wichtige Stufe ihres inneren Reifungspro­zesses, indem sie feststellt: „Meine Suche nach der Wahrheit war ein einzi­ges Gebet" ein herrliches Wort des Trostes für alle, die sich mit dem Got­tesglauben schwer tun! Schon die Suche nach Wahrheit ist zutiefst ein Suchen nach Gott.

Unter dem starken Einfluß ihres Lehrers Husserl und seiner phänomenolo­gischen Schule wandte sich die suchende Studentin immer entschiedener der Philosophie zu. Sie lernte allmählich, „alle Dinge vorurteilsfrei ins Auge zu fassen und alle ‚Scheuklappen' abzuwerfen". Durch die Begegnung mit Max Scheler in Göttingen kommt Edith Stein schließlich zum erstenmal mit katholischen Ideen in Berührung. Sie selbst schreibt darüber: „Die Schranken der rationalistischen Vorurteile, in denen ich aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung aufblickte, lebten darin."

Das lange Ringen um ihre persönliche Entscheidung für den Glauben an Je­sus Christus fand erst 1921 ein Ende, als sie bei einer Freundin das autobio­graphische „Leben der heiligen Teresa von Avila" zu lesen begann. Sie war sofort gefangen und hörte nicht mehr auf bis zum Ende: „Als ich das Buch schloß, sagte ich mir: Das ist die Wahrheit!" Die ganze Nacht hindurch hatte sie gelesen bis zum Aufgang der Sonne. In dieser Nacht hat sie die Wahrheit gefunden, nicht die Wahrheit der Philosophie, sondern die Wahrheit in Per­son, das liebende Du Gottes. Edith Stein hatte die Wahrheit gesucht und Gott gefunden. Sie ließ sich unverzüglich taufen und in die katholische Kir­che aufnehmen.

Der Empfang der Taufe bedeutete für Edith Stein keineswegs den Bruch mit ihrem jüdischen Volk. Sie sagt im Gegenteil: „Ich hatte die Praxis mei­ner jüdischen Religion als Mädchen von vierzehn Jahren aufgegeben und fühlte mich erst nach meiner Rückkehr zu Gott wieder jüdisch." Sie ist sich stets dessen bewußt, „nicht nur geistig, sondern auch blutsmäßig zu Chri­stus zu gehören". Sie leidet selber zutiefst an dem großen Schmerz, den sie ihrer geliebten Mutter durch ihre Konversion hat zufügen müssen. Sie be­gleitet sie auch später noch zum Gottesdienst in die Synagoge und betet zu­sammen mit ihr die Psalmen. Auf die Feststellung ihrer Mutter, daß man also auch jüdisch fromm sein könne, gibt sie zur Antwort: „Gewiß - wenn man nichts anderes kennengelernt hat."

Obwohl seit der Begegnung mit den Schriften der heiligen Teresa von Avila der Karmel das Ziel Edith Steins geworden war, mußte sie noch über ein Jahrzehnt warten, bis Christus ihr im Gebet den Weg zum Eintritt zeigte. In ihrer Tätigkeit als Lehrerin und Dozentin in der Schul- und Bildungsar­beit, meist in Speyer, zuletzt auch in Münster, bemühte sie sich fortan, Wis­senschaft und Glauben miteinander zu verbinden und gemeinsam weiterzuvermitteln. Dabei will sie nur „ein Werkzeug des Herrn" sein. "Wer zu mir kommt, den möchte ich zu ihm führen". Zugleich lebt sie in dieser Zeit schon wie eine Klosterfrau, legt privat die drei Gelübde ab und wird zur gro­ßen, begnadeten Beterin. Aus ihrem intensiven Studium des heiligen Tho­mas von Aquin lernt sie, daß es möglich ist „Wissenschaft als Gottesdienst zu betreiben. Nur darauf habe ich mich entschließen können, wieder ernstlich (nach der Konversion) an wissenschaftliche Arbeiten heranzugehen". Bei aller Hochschätzung der Wissenschaft erkennt Edith Stein immer deutlicher, daß das Herz des Christseins nicht Wissenschaft, sondern Liebe ist.