Kreuzeswissenschaft

Als Edith Stein schließlich im Jahre 1933 in den Kölner Karmel eintritt, be­deutet dieser Schritt für sie keine Flucht aus der Welt oder aus der Verant­wortung, sondern ein um so entschiedeneres Eintreten in die Kreuzesnach­folge Christi. Sie sagt bei ihrem ersten Gespräch mit der dortigen Priorin: „Nicht die menschliche Tätigkeit kann uns helfen,sondern das Leiden Christi. Daran Anteil zu haben, ist mein Verlangen. "Aus demselben Grund kann sie bei ihrer Einkleidung keinen anderen Wunsch äußern, „als im Or­den ,vom Kreuz' genannt zu werden". Und auf das Andachtsbildchen zu ih­rer ewigen Profeß läßt sie das Wort des heiligen Johannes vom Kreuz drucken: „Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr lieben".

Liebe Brüder und Schwestern! Wir verneigen uns heute mit der ganzen Kirche vor dieser großen Frau, die wir von jetzt an als Selige in Gottes Herr­lichkeit anrufen dürfen; vor dieser großen Tochter Israels, die in Christus, dem Erlöser, die Erfüllung ihres Glaubens und ihrer Berufung für das Volk Gottes gefunden hat. Wer in den Karmel geht, der ist nach ihrer Überzeu­gung „für die Seinen nicht verloren, sondern erst eigentlich gewonnen; denn es ist ja unser Beruf, für alle vor Gott zu stehen". Seit sie „unter dem Kreuz" das Schicksal des Volkes Israel zu verstehen begann, ließ sich unsere neue Selige von Christus immer tiefer in sein Erlösungsgeheimnis hineinnehmen, um in geistlicher Einheit mit ihm den vielfältigen Schmerz der Menschen zu tragen und das himmelschreiende Unrecht in der Welt sühnen zu helfen. Als „Benedicta a Cruce - die vom Kreuz Gesegnete" wollte sie mit Christus Kreuzträgerin sein für das Heil ihres Volkes, ihrer Kirche, der ganzen Welt. Sie bot sich Gott an als „Sühneopfer für den wahren Frieden" und vor allem für ihr bedrohtes und gedemütigtes jüdisches Volk. Nachdem sie erkannt hatte, daß Gott wieder einmal schwer seine Hand auf sein Volk gelegt hatte, war sie davon überzeugt, „daß das Schicksal dieses Volkes auch das meine war ".

Christus lebt und leidet in und mit seiner Kirche

Als Schwester Teresia Benedicta a Cruce im Karmel von Echt ihr letztes theologisches Werk „Kreuzeswissenschaften" beginnt, das jedoch unvol­lendet bleiben wird, da es in ihren eigenen Kreuzweg einmündet, bemerkt sie: „Wenn wir von Kreuzeswissenschaft sprechen, so ist das nicht bloße Theorie sondern lebendige, wirkliche und wirksame Wahrheit". Als die tödliche Bedrohung ihres jüdischen Volkes sich auch über ihr wie eine dunkle Wolke zusammenzog, war sie bereit, mit ihrem eigenen Leben zu verwirklichen, was sie schon früher erkannt hatte: „Es gibt eine Berufung zum Leiden mit Christus und dadurch zum Mitwirken mit seinem Erlö­sungswerk. Christus lebt in seinen Gliedern fort und leidet in ihnen fort; und das in Vereinigung mit dem Herrn ertragene Leiden ist Sein Leiden, hin­eingestellt in das große Erlösungswerk und darin fruchtbar."

Mit ihrem Volk und „für" ihr Volk ging Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz zusammen mit ihrer Schwester Rosa den Weg in die Vernichtung. Leid und Tod nimmt sie jedoch nicht nur passiv an, sondern vereinigt diese bewußt mit der sühnenden Opfertat unseres Erlösers Jesus Christus. „Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkomme­ner Unterwerfung unter seinen heiligsten Willen mit Freude entgegen", hatte sie einige Jahre zuvor in ihrem Testament geschrieben: „Ich bitte den Herrn, daß er mein Leiden und Sterben annehmen möge zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligen Kirche." Der Herr hat diese ihre Bitte erhört.