Tochter des jüdischen Volkes - Frau der Wissenschaft - Selige der Kirche

Sie hat den Kelch des Leidens gläubig angenommen

Die Kirche stellt uns heute Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz als seli­ge Märtyrin, als Beispiel heroischer Christusnachfolge zur Verehrung und Nachahmung vor Augen. Öffnen wir uns für ihre Botschaft an uns als Frau des Geistes und der Wissenschaft, die in der Kreuzeswissenschaft den Gip­fel aller Weisheit erkannte, als große Tochter des jüdischen Volkes und gläu­bige Christin inmitten von Millionen unschuldig gemarterter Mitmen­schen. Sie sah das Kreuz mit aller Unerbittlichkeit auf sich zukommen; sie ist in allem Schrecken nicht vor ihm geflohen, sondern hat es in christlicher Hoffnung mit letzter Liebe und Hingabe umfangen und im Geheimnis des Osterglaubens sogar begrüßt: „Ave Crux, spes unica!". „Edith Stein ist", wie euer verehrter Kardinal Höffner in seinem kürzlichen Hirtenschreiben gesagt hat, „ein Geschenk, ein Aufruf und eine Verheißung für unsere Zeit. Möge sie Fürsprecherin bei Gott für uns und für unser Volk und für alle Völ­ker sein."

Liebe Brüder und Schwestern! Heute erlebt die Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts einen großen Tag: Wir verneigen uns tief vor dem Zeugnis des Lebens und Sterbens von Edith Stein, der herausragenden Tochter Israels und zugleich Tochter des Karmels, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, einer Persönlichkeit, die eine dramatische Synthese unseres Jahrhunderts in ihrem reichen Leben vereint. Die Synthese einer Geschichte voller tiefer Wunden, die noch immer schmerzen, für deren Heilung sich aber verantwortungsbewußte Männer und Frauen bis in unsere Tage immer wieder einsetzen; und zugleich die Synthese der vollen Wahrheit über den Menschen, in einem Herzen, das solange unruhig und unerfüllt blieb, „bis es schießlich Ruhe fand in Gott".

Wenn wir uns geistig an den Ort des Martyriums dieser großen Jüdin und christlichen Märtyrin begeben, an den Ort jenes schrecklichen Gesche­hens, das heute „Schoah" genannt wird, vernehmen wir zugleich die Stim­me Christi, des Messias und Menschensohnes, des Herrn und Erlösers. Als Bote des unergründlichen Heilsgeheimnisses Gottes spricht er zu der Frau aus Samaria am Jakobsbrunnen: „Das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, da die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahr­heit: denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten" (Joh 4,22-24).

Selig gepriesen sei Edith Stein, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, eine wahre Anbeterin Gottes in Geist und Wahrheit.

Ja, selig ist sie! Amen.

 

 

In: L'Osservatore Romano.Wochenausgabe in deutscher Sprache 17 (1987/19) vom & Mai 1987, 11-12.